In der öffentlichen Vorstellung existiert häufig die Annahme, dass problematische Gruppen vor allem aus problematischen Menschen bestünden. Wenn Missbrauch, Machtmissbrauch oder andere Formen schädigenden Verhaltens bekannt werden, entsteht leicht das Bild einer Gemeinschaft, die sich aus besonders unsensiblen, moralisch gleichgültigen oder gar böswilligen Personen zusammensetzt. Diese Vorstellung besitzt eine gewisse Plausibilität, weil sie Ordnung in eine irritierende Wirklichkeit bringt. Sie erlaubt eine klare Trennung zwischen denjenigen, die Schaden verursachen oder dulden, und denjenigen, die dies nicht tun würden.
Die Beobachtung sozialer Gruppen legt jedoch nahe, dass die Wirklichkeit häufig komplizierter ist. In vielen Organisationen, in denen später gravierende Verfehlungen bekannt werden, finden sich Menschen, die sich selbst als hilfsbereit, fürsorglich und moralisch verantwortlich verstehen. Sie engagieren sich ehrenamtlich, investieren Zeit und Energie, kümmern sich um andere und orientieren ihr Handeln an Werten, die sie für bedeutsam halten. Gerade deshalb wirkt es auf den ersten Blick überraschend, wenn Betroffene von Übergriffen oder Grenzverletzungen nicht selten auch Personen verteidigen, die ihnen geschadet haben, oder wenn sie sich zumindest teilweise mit deren Sichtweise identifizieren.
Die Frage, warum manche Betroffene sich mit dem Täter solidarisieren, wird häufig so gestellt, als müsse sich dahinter eine besondere psychologische Eigenart verbergen. Tatsächlich könnte die Antwort weniger in außergewöhnlichen Eigenschaften einzelner Menschen liegen als in sozialen Prozessen, die zum normalen Repertoire menschlichen Zusammenlebens gehören. Menschen sind soziale Wesen, deren Wahrnehmungen, Bewertungen und Entscheidungen nicht unabhängig von ihren Beziehungen entstehen. Die Vorstellung eines vollständig autonomen moralischen Urteils gehört eher zur kulturellen Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften als zur alltäglichen Realität sozialer Interaktion.
Wer längere Zeit Teil einer Gruppe ist, bewegt sich in einem Geflecht aus Erwartungen, Loyalitäten, gemeinsamen Erfahrungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Gruppe bietet Orientierung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Sie liefert Deutungen für Ereignisse und stellt Begriffe bereit, mit denen Erfahrungen beschrieben werden können. Dadurch entsteht ein sozialer Rahmen, innerhalb dessen Menschen ihre Wahrnehmungen einordnen. Was als normal gilt, was als problematisch erscheint und welche Bedeutung einem bestimmten Ereignis zugeschrieben wird, entwickelt sich selten ausschließlich aus individueller Beobachtung, sondern entsteht in fortlaufenden Abstimmungsprozessen mit anderen.
In diesem Zusammenhang erhält auch die Figur des Täters eine andere soziale Bedeutung. Außerhalb der Gruppe erscheint er möglicherweise vor allem als jemand, der Schaden verursacht hat. Innerhalb der Gruppe kann er zugleich Mentor, Vorgesetzter, spirituelle Autorität, Freund, Förderer oder langjähriger Weggefährte sein. Die Wahrnehmung eines Menschen besteht selten aus einer einzigen Eigenschaft. Selbst dort, wo problematische Handlungen sichtbar werden, bleiben andere Erfahrungen bestehen. Erinnerungen an Unterstützung, gemeinsame Projekte oder persönliche Nähe verschwinden nicht automatisch in dem Moment, in dem eine Grenzüberschreitung erkannt wird.
Hinzu kommt, dass moralische Entscheidungen oft soziale Kosten verursachen. Widerspruch kann Beziehungen gefährden, Zugehörigkeiten infrage stellen und etablierte Rollen erschüttern. Wer eine angesehene Person kritisiert, kritisiert häufig nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern berührt zugleich das Selbstverständnis einer Gruppe. Die Frage, ob ein bestimmtes Verhalten akzeptabel war, wird dann schnell zu einer Frage darüber, wem geglaubt werden soll, welche Geschichte die Gruppe über sich selbst erzählt und welche Personen innerhalb ihrer symbolischen Ordnung welchen Platz einnehmen.
Unter solchen Bedingungen entsteht Solidarität mit dem Täter nicht zwangsläufig als bewusste Entscheidung. Häufig handelt es sich eher um einen schrittweisen Anpassungsprozess. Menschen übernehmen zunächst einzelne Erklärungen, relativieren bestimmte Beobachtungen oder verschieben die Aufmerksamkeit auf andere Aspekte der Situation. Jede dieser Anpassungen erscheint für sich genommen geringfügig. Erst rückblickend wird sichtbar, wie weit sich die ursprüngliche Wahrnehmung möglicherweise verändert hat.
Dabei spielt Schweigen eine besondere Rolle. In vielen Gruppen erfolgt Anpassung weniger durch aktive Zustimmung als durch ausbleibenden Widerspruch. Menschen beobachten, wie andere reagieren, welche Themen vermieden werden und welche Sichtweisen Zustimmung erhalten. Sie lernen, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Dadurch entstehen soziale Wirklichkeiten, die nicht unbedingt durch ausdrückliche Überzeugungen getragen werden müssen. Oft genügt es, dass ausreichend viele Menschen schweigen, damit bestimmte Deutungen als selbstverständlich erscheinen.
Aus sozialpsychologischer Perspektive ist bemerkenswert, wie stark Bewertungen von ihrer sozialen Umgebung abhängen können. Dass Menschen Hinweise unterschiedlich interpretieren, je nachdem, welche Einschätzungen in ihrer Umgebung vorherrschen, gehört zu den bestuntersuchten Phänomenen der Gruppenforschung. Wahrnehmungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden bestätigt, korrigiert oder infrage gestellt durch die Reaktionen anderer. In stabilen Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig vertrauen und aufeinander angewiesen sind, kann dieser Einfluss besonders groß werden.
Dies bedeutet nicht, dass individuelle Moral bedeutungslos wäre. Vielmehr scheint sich menschliches Handeln häufig in einem Spannungsfeld zwischen moralischen Überzeugungen und sozialer Zugehörigkeit zu bewegen. Beide Bedürfnisse besitzen für viele Menschen hohe Bedeutung. Das Bedürfnis, sich als moralisch handelnde Person zu verstehen, steht neben dem Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu bleiben, Beziehungen aufrechtzuerhalten und soziale Bindungen nicht zu gefährden. Die Vorstellung, dass sich diese beiden Orientierungen jederzeit widerspruchsfrei miteinander vereinbaren lassen, wird durch zahlreiche Beobachtungen infrage gestellt.
Gerade deshalb erscheint die Solidarisierung mancher Betroffener mit dem Täter weniger als Ausdruck einer einzelnen Ursache denn als Ergebnis unterschiedlicher sozialer Dynamiken. Persönliche Bindungen, Loyalität, Anpassungsprozesse, geteilte Deutungsmuster, die Angst vor sozialem Verlust, die Bedeutung von Zugehörigkeit und die Macht kollektiver Wirklichkeiten können sich auf vielfältige Weise überlagern. Dabei entstehen Konstellationen, in denen Menschen Positionen vertreten, die aus größerer Distanz schwer nachvollziehbar erscheinen.
Vielleicht liegt die eigentliche Besonderheit solcher Situationen nicht darin, dass Menschen gegen ihre Interessen handeln oder offensichtliche Tatsachen übersehen. Auffälliger ist möglicherweise, wie sehr menschliche Wahrnehmungen und Bewertungen in soziale Zusammenhänge eingebettet bleiben. Wer Gruppen betrachtet, begegnet immer wieder der Beobachtung, dass Moral nicht ausschließlich eine individuelle Angelegenheit ist, sondern zugleich ein soziales Geschehen, das sich zwischen Menschen entfaltet, von Beziehungen geprägt wird und dadurch eine Form annimmt, die sich weder allein aus persönlichen Überzeugungen noch allein aus äußeren Zwängen erklären lässt. Die Solidarisierung mit einem Täter erscheint vor diesem Hintergrund weniger als rätselhafte Ausnahme denn als eine Möglichkeit menschlichen Verhaltens, die gerade deshalb schwer zu verstehen ist, weil sie aus Eigenschaften hervorgeht, die für das soziale Leben insgesamt grundlegend sind.




