Die Gemeinheitsleiter

Wie wird aus kleinen Gemeinheiten systematische Ausgrenzung?

Die meisten Menschen stellen sich Ausgrenzung als etwas Großes vor.

Als offenen Konflikt. Als Mobbing. Als bewusste Feindseligkeit. Als den Moment, in dem jemand einer anderen Person deutlich zu verstehen gibt, dass sie nicht dazugehört.

Doch soziale Ausgrenzung beginnt selten dort.

Sie beginnt meist viel früher.

Oft beginnt sie mit Verhaltensweisen, die so klein wirken, dass sie kaum Beachtung finden. Ein Augenrollen. Ein spöttischer Kommentar. Ein abfälliger Witz. Eine Bemerkung, die jederzeit als „nicht so gemeint“ zurückgenommen werden kann.

Gerade deshalb sind diese frühen Formen sozialer Abwertung so interessant. Für sich genommen erscheinen sie harmlos. Als Einzelereignisse lassen sie sich leicht erklären, entschuldigen oder übersehen. Erst wenn man einen Schritt zurücktritt, wird sichtbar, dass zwischen einer kleinen Gemeinheit und systematischer Ausgrenzung oft kein Bruch liegt, sondern eine Entwicklung.

Man könnte sich diese Entwicklung als Leiter vorstellen.

Jede Stufe verändert nicht nur die Beziehung zu einer einzelnen Person. Sie verändert zugleich die Normen der gesamten Gruppe.

Stufe 1: Augenrollen

Die erste Stufe ist oft nonverbal.

Jemand spricht, und andere verdrehen die Augen. Es wird geseufzt. Blicke werden ausgetauscht. Die Botschaft bleibt indirekt, ist aber dennoch verständlich: Diese Person wird nicht ganz ernst genommen.

Für die Gruppe hat diese Form der Kommunikation einen Vorteil. Niemand muss offen Stellung beziehen. Die Abwertung bleibt subtil und kann jederzeit bestritten werden.

Stufe 2: Lächerlichmachen

Der nächste Schritt macht die Botschaft deutlicher.

Aus Blicken werden Kommentare. Aus Andeutungen werden Witze. Die betreffende Person wird zur Pointe.

Humor besitzt dabei eine besondere soziale Funktion. Wer lacht, signalisiert Zugehörigkeit. Wer nicht lacht, stellt sich außerhalb des entstehenden Konsenses.

Dadurch entsteht oft eine stille Koalition gegen die Zielperson, lange bevor jemand von Ausgrenzung sprechen würde.

Stufe 3: Ignorieren

Nun verändert sich die Aufmerksamkeit der Gruppe.

Beiträge werden überhört. Vorschläge bleiben unbeachtet. Fragen erhalten keine Antwort. Andere sprechen weiter, als sei nichts gesagt worden.

Ignorieren wirkt oft weniger aggressiv als offener Streit. Tatsächlich kann es jedoch eine besonders wirksame Form sozialer Kontrolle sein, weil es die Existenz der anderen Person zunehmend unsichtbar macht.

Stufe 4: Ausschließen

An diesem Punkt wird die Trennung sichtbar.

Informationen werden nicht weitergegeben. Treffen finden ohne bestimmte Personen statt. Entscheidungen werden in kleineren Kreisen getroffen.

Der Ausschluss muss dabei nicht offiziell sein. Häufig genügt eine Reihe kleiner Entscheidungen, die jeweils plausibel erscheinen und dennoch immer dieselben Menschen betreffen.

Aus gelegentlichem Übersehen wird strukturelle Nichtbeteiligung.

Stufe 5: Entwerten

Nachdem der Ausschluss etabliert ist, beginnt oft seine Rechtfertigung.

Die betroffene Person gilt nun als schwierig, kompliziert, anstrengend oder ungeeignet. Eigenschaften werden übertrieben. Fehler werden stärker wahrgenommen als Erfolge.

Interessanterweise dient diese Phase häufig weniger der Beschreibung der ausgeschlossenen Person als der Beruhigung der Gruppe.

Wer ausgeschlossen wird, muss nachträglich erklären, warum der Ausschluss richtig war.

Stufe 6: Entmenschlichen

Die letzte Stufe verändert die Wahrnehmung grundlegend.

Die betroffene Person wird nicht mehr als individuelles Gegenüber betrachtet, sondern als Problem, Störung, Gefahr oder Belastung.

Je stärker dieser Prozess fortschreitet, desto leichter fällt es einer Gruppe, Maßnahmen zu akzeptieren, die auf früheren Stufen noch als unangemessen erschienen wären.

An diesem Punkt wird Ausgrenzung selbstverständlicher als Zugehörigkeit.

Warum die Leiter gefährlich ist

Keine einzelne Stufe erscheint dramatisch.

Menschen rollen täglich mit den Augen. Menschen machen Witze. Menschen übersehen einander. Jede Handlung für sich genommen wirkt oft zu klein, um besondere Aufmerksamkeit zu verdienen.

Die Dynamik entsteht erst durch die Reihenfolge.

Jede Stufe macht die nächste wahrscheinlicher.

Was gestern noch als unhöflich galt, erscheint heute normal. Was heute normal erscheint, bildet morgen die Grundlage für weitergehende Formen der Ausgrenzung.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wann Ausgrenzung beginnt.

Die eigentliche Frage lautet, auf welcher Stufe eine Gemeinschaft bereit ist, ihre eigenen Muster zu erkennen.

Denn nur wenige Gruppen beschließen bewusst, Menschen auszugrenzen.

Viele steigen lediglich Stufe für Stufe eine Leiter hinauf, ohne zu bemerken, wohin sie führt.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit sozialen Dynamiken, Gruppenprozessen und den Mustern menschlichen Zusammenlebens. Auf Neugiernase macht sie Zusammenhänge sichtbar, die oft erst auffallen, wenn man Abstand gewinnt. Immer noch neugierig? Hier gibts mehr Infos.

Denkanstöße zu sozialen Dynamiken

Soziale-Muster.de lädt dazu ein, soziale Phänomene mit Neugier zu betrachten

Menschen leben in Gruppen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Teams und Gemeinschaften aller Art.

Dort entstehen Zugehörigkeit, Vertrauen und Unterstützung. Aber auch Konflikte, Missverständnisse, Ausgrenzung, Loyalitätskonflikte und schwierige Entscheidungen.

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