Was gewinnen Gemeinschaften durch Feindbilder?
Die meisten Menschen würden vermutlich zustimmen, dass Feindbilder problematisch sind.
Sie vereinfachen die Wirklichkeit. Sie fördern Vorurteile. Sie erschweren Verständnis. Sie können Ausgrenzung, Diskriminierung und Konflikte begünstigen.
Trotzdem tauchen Feindbilder immer wieder auf.
In Vereinen.
In Unternehmen.
In politischen Bewegungen.
In religiösen Gemeinschaften.
In Familien.
Und sogar in Gruppen, die sich selbst als besonders offen, tolerant oder reflektiert verstehen.
Das wirft eine interessante Frage auf:
Wenn Feindbilder so schädlich sind, warum entstehen sie dann immer wieder?
Vielleicht lautet die Antwort:
Weil sie etwas leisten.
Der Nutzen des Gegners
Feindbilder sind selten kostenlos.
Aber sie sind auch selten nutzlos.
Gemeinschaften investieren Energie in sie, weil sie bestimmte Probleme lösen.
Oder zumindest den Eindruck vermitteln, sie zu lösen.
Man könnte deshalb von einer Ökonomie der Feindbilder sprechen.
Feindbilder kosten etwas.
Aber sie bringen auch etwas ein.
Zusammenhalt
Eine der wichtigsten Funktionen besteht im Zusammenhalt.
Nichts verbindet Menschen oft schneller als ein gemeinsamer Gegner.
Unterschiede innerhalb der Gruppe treten in den Hintergrund.
Konflikte werden kleiner.
Gemeinsame Interessen erscheinen wichtiger.
Plötzlich entsteht ein starkes Wir-Gefühl.
Die Gruppe muss nicht einmal besonders viel gemeinsam haben.
Es genügt häufig, jemanden zu haben, gegen den man gemeinsam steht.
Feindbilder erzeugen deshalb eine Form sozialen Klebstoffs.
Sie schaffen Verbundenheit.
Zumindest vorübergehend.
Identität
Gemeinschaften definieren sich nicht nur darüber, wer sie sind.
Sie definieren sich auch darüber, wer sie nicht sind.
Das Feindbild liefert dafür eine einfache Antwort.
Wenn die anderen egoistisch sind, sind wir solidarisch.
Wenn die anderen ignorant sind, sind wir aufgeklärt.
Wenn die anderen unmoralisch sind, sind wir anständig.
Je unschärfer die eigene Identität wird, desto attraktiver kann diese Form der Abgrenzung werden.
Denn der Gegner liefert eine kostenlose Selbstbeschreibung.
Klarheit
Die soziale Wirklichkeit ist kompliziert.
Menschen haben widersprüchliche Motive.
Probleme besitzen selten nur eine Ursache.
Entwicklungen verlaufen selten geradlinig.
Feindbilder reduzieren diese Komplexität.
Sie verwandeln unübersichtliche Situationen in einfache Geschichten.
Die Welt wird leichter verständlich.
Es gibt Gute.
Es gibt Schlechte.
Es gibt Schuldige.
Es gibt Opfer.
Der Preis für diese Klarheit besteht darin, dass die Wirklichkeit meist deutlich komplizierter ist.
Doch psychologisch wirkt Einfachheit oft attraktiver als Genauigkeit.
Moralische Überlegenheit
Feindbilder erfüllen noch eine weitere Funktion.
Sie ermöglichen moralische Selbstaufwertung.
Wenn die andere Seite falsch liegt, erscheint die eigene Seite automatisch richtiger.
Wenn die anderen unfair sind, wirkt man selbst fairer.
Wenn die anderen moralisch fragwürdig erscheinen, fühlt sich die eigene Gemeinschaft moralisch überlegen.
Diese Dynamik ist besonders tückisch.
Denn sie belohnt die Gruppe emotional.
Je schlechter die anderen dargestellt werden, desto besser fühlt sich die eigene Gemeinschaft.
Das Feindbild wird zu einer Quelle kollektiven Selbstwerts.
Orientierung
Menschen suchen Orientierung.
Sie möchten wissen, wo sie stehen.
Wofür sie eintreten.
Wem sie vertrauen können.
Feindbilder bieten dafür eine erstaunlich einfache Lösung.
Sie liefern klare Grenzen.
Sie schaffen Übersicht.
Sie reduzieren Unsicherheit.
Wer Freund und Feind unterscheiden kann, fühlt sich oft sicherer.
Selbst dann, wenn die Unterscheidung nur teilweise der Wirklichkeit entspricht.
Die versteckten Kosten
Genau hier liegt das Problem.
Feindbilder erzeugen kurzfristige Gewinne.
Zusammenhalt.
Identität.
Klarheit.
Moralische Sicherheit.
Orientierung.
Doch dieselben Mechanismen erzeugen langfristige Kosten.
Die Gruppe wird blind für Unterschiede innerhalb der anderen Seite.
Sie verliert Neugier.
Sie verliert Lernfähigkeit.
Sie verliert die Fähigkeit, Kritik von Angriffen zu unterscheiden.
Und sie verliert oft den Kontakt zu Informationen, die nicht in das bestehende Weltbild passen.
Je stärker das Feindbild wird, desto teurer werden diese Kosten.
Die paradoxe Wirkung
Das vielleicht Interessanteste an Feindbildern ist ihre Selbstverstärkung.
Je mehr eine Gemeinschaft von einem Feindbild profitiert, desto schwerer wird es, dieses Feindbild aufzugeben.
Denn mit dem Feindbild verschwinden nicht nur Vorurteile.
Es verschwinden auch die Vorteile, die daran geknüpft waren.
Der Zusammenhalt wird schwächer.
Die Identität wird unschärfer.
Die moralische Gewissheit nimmt ab.
Die Welt wird wieder komplizierter.
Genau deshalb verteidigen Gemeinschaften ihre Feindbilder oft so leidenschaftlich.
Die entscheidende Frage
Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb nicht:
Sind unsere Feindbilder richtig?
Sondern:
Welche Funktion erfüllen sie für uns?
Denn solange eine Gemeinschaft nicht versteht, was sie durch ihre Feindbilder gewinnt, wird sie nur schwer erkennen, warum sie an ihnen festhält.
Und möglicherweise beginnt die Auflösung eines Feindbildes nicht mit mehr Informationen.
Sondern mit der Bereitschaft, auf die Vorteile zu schauen, die es bislang geliefert hat.
Erst dann wird sichtbar, warum Gemeinschaften manchmal so viel Energie darauf verwenden, Menschen zu Gegnern zu machen.
Und warum es oft so schwerfällt, damit wieder aufzuhören.




